Die Germanisten unterscheiden zwischen Volksmärchen von Kunstmärchen.


Der kleine Klaus und der große Klaus

Der kleine Klaus und der große Klaus von Hans Christian Andersen

Bei Kunstmärchen kennen wir in der Regel den Autor, sie wurden von einer Person erdacht, so wie die Märchen von Hans Christian Andersen.

Bei den Volksmärchen ist das anders: Sie wurden mündlich überliefert, wurden immer wieder erzählt. Wir wissen nicht, wann sie entstanden sind, wir wissen lediglich, wann sie niedergeschrieben worden sind, zum Beispiel von den Brüdern Grimm.

Märchen erzählen von grundlegenden menschlichen Erfahrungen wie Liebe und Freundschaft, Hass und Eifersucht, Tod und Glück und von der Sehnsucht. Mit ihrem teils guten Ende erzählen sie davon, dass das Leben trotz aller Widrigkeiten und Gefahren gelingen kann.

Volksmärchen sind genauso wie Kunstmärchen keine realen Geschichten, das liegt auf der Hand. Dennoch sind sie wahr. Sie erzählen vom Leben und von Lebenserfahrungen, die sich nicht anders als in Bildern ausdrücken lassen.

Volksmärchen kennen drei große Bilder vom gelungenen Leben: den Reichtum, das Königtum und die Hochzeit.

Im übertragenen Sinne steht der Reichtum für ein bereichertes Leben, ein Leben voll inneren Reichtums, Seelenreichtum, wenn man so will.

Das Königtum hat wenig mit den tatsächlich historischen Königen zu tun, es bedeutet vielmehr, König oder Königin über das eigene Leben zu sein, nicht über andere herrschen zu müssen, sondern sich selbst »beherrschen« zu können. Und die Hochzeit, die Hoch-Zeit, symbolisiert die Verbindung von Gegensätzen wie männlich und weiblich, Tag und Nacht, Tod und Leben, hell und dunkel.

Einige der „typischen“ Kindermärchen weichen von diesenin vielen Volksmärchen sonst üblichen Endszenarien ab: Hier kehren die Kinder nach bestandenen Abenteuern ins Elternhaus zurück. Aber auch das ist nur folgerichtig. Kinder pendeln in ihrer Entwicklung hin und her zwischen dem Wunsch, selbständig zu sein, neue Entdeckungen zu machen, sich auf den Weg zu machen auf der einen Seite, und auf der anderen Seite der Sehnsucht nach der Rückkehr zur sicheren Basis, zur sicheren Bezugsperson, wie die Bindungstheorie es nennt, dorthin eben, wo man geborgen und nicht bedroht ist, wo man sich fallen lassen und erholen kann, bevor der nächste Aufbruch in die weite Welt und das Bestehen des nächsten Abenteuers beginnt.

Nur etwas, was den Menschen angeht, was ihn bewegt und was mit ihm zu tun hat, wird über Generationen hinweg tradiert.

Hätten die Menschen nicht zu allen Zeiten und in allen Kulturen das Gefühl gehabt, dass diese Volksmärchen Geschichten sind, die etwas mit ihnen und ihren Erfahrungen zu tun haben, wären sie nicht weitergegeben worden.

 

Volksmärchen auf Pergamentrolle

Zitat aus dem Buch „Märchen für die Seele“ von Heinrich Dickerhoff, Präsident der Europäischen Märchengesellschaft und Johannes Fiebig, Verleger von Märchenbüchern

Die Märchen erzählen davon, wie wichtig es ist, sich auf den Weg zu machen in die weite Welt, das Leben in die Hand zu nehmen, trotz aller Gefahren und Widrigkeiten, die das Leben für einen bereit hält. Denn eines sind Volksmärchen sicher nicht: rosarote Heile-Welt-Geschichten. Zu deutlich erzählen sie von Gefahren, die uns zerstören können, die das Leben gefährden, von Prüfungen und Aufgaben, denen wir uns stellen müssen.

Märchen können ein Schlüssel zu mehr Phantasie, Zuversicht und Lebensmut sein.

Märchen können ein Schlüssel zu mehr Phantasie, Zuversicht und Lebensmut sein.

Aber die Märchen wissen auch, dass, wenn man sich auf den Weg macht und sich den Gefahren und Aufgaben stellt, einem wunderbare Hilfe zuteilwerden und das Leben dann gelingen kann.

Märchen können Erwachsenen und den Kindern Freude, Hoffnung, Mut und Zuversicht mit all ihrer über Zeiten eingeflossenen Weisheit mitgeben. Im Vorlesen und Erzählen erfahren Kinder zudem eine wunderbare, sehr intensive Zuwendung von den Erwachsenen. Begeben Sie sich zusammen auf die Reise ins Land der Märchen.

Quelle: Ein Koffer voller Märchen, S. 13 ff.

 Eine Auswahl der schönsten Volksmärchen