Schottische Märchen

Märchen aus aller Welt

Literatur, Märchen, Sagen und Legenden gehen in Schott­land häufig eine engere Verbindung miteinander ein als anderswo. Schottische Märchen und Folklore sind nicht nur durch keltische Einflüsse geprägt, wie es zunächst scheinen mag. Tatsächlich findet sich eine Vielzahl von Elementen aus ver­schiedenen Kulturen darin wieder, die die schottischen Mär­chen und Traditionen beleben.

Zu den wichtigsten Völkern unter ihnen gehören die Kaledonier, die das Gebiet vom Tal der Tay bis zum Great Glen besetzt hielten, die Pikten – sie gelten als die Ureinwohner −, die irischen Einwanderer, also die benannten Kelten, die Nordmänner und auch die Römer, die von Süden her vordrangen.

Wie ist Schottland? Das Schottland der Märchenphantasie und das Schott­land der Wirklichkeit sind einander, wie man entdecken wird, nahe. Wer das eine kennt, wird das andere besser verstehen und genießen können. Andererseits begreift man, wenn man die Szenerien des realen Schottlands sieht, dass dies ein Land ist, das phantastische Geschichten geradezu suggeriert. Die Würze bei all dem ergibt sich aus dem besonderen Erzählsinn der Kelten und der bei ihnen ausgeprägten und lange beibe­haltenen Tradition der mündlichen Überlieferung.

In diesem Sinn: Auf zu ein paar Spaziergängen durch den schottischen Zauberwald, er ist schier endlos und hält für den neugierigen und ausdauernden Wanderer immer neue Über­raschungen und Entdeckungen alten, schon unterzugehen drohenden Wissens bereit.

Leseprobe


 

Die Tochter des Nordlandkönigs aus dem Märchenbuch „Schottische Märchen“ von Frederik Hetmann (Hg.)

Vor langer Zeit, als die Nordländer im westlichen High­land landeten, waren sie erstaunt über die Beschaf­fenheit und Ausdehnung der Kiefernwälder, die damals den größten Teil Lochabers bedeckten und viel ausgedehnter waren als die Wälder ihres Heimatlandes.

Nun war die älteste Tochter des Nordlandkönigs mit ihrem langen blonden Haar, ihren blauen Augen und dem schlanken biegsamen Körper wegen ihrer Schönheit fern und nah be­kannt, sie verstand sich auch auf mancherlei Zauber. Sie kann­te alle Blumen der Wälder und Wiesen und es gab nicht ein einziges Kraut, dessen Eigenschaften ihr nicht vertraut waren. Ebenso war sie berühmt für ihren Umgang mit dem Vieh; sie konnte nämlich jeden Zauber oder Bann, der auf ihm lag, lösen und jede Krankheit und jede Verletzung, die es hatte, heilen. Ihr war das Muhen der Kühe der lieblichste aller Laute und über große Entfernungen hinweg antwortete sie stets darauf. Doch von all ihren Gaben war die ungewöhnlichste und eine der nützlichsten ihre Fähigkeit, wenn erforderlich, hoch in der Luft über das Land zu fliegen, so dass kein Hindernis sie auf­halten konnte. Da der Nordlandkönig eine hohe Meinung von den Fähigkeiten seiner Tochter hatte, befragte er sie häufig, wenn seine anderen Ratgeber nicht mehr weiter wussten, und an sie wandte er sich jetzt, um ein wirkungsvolles Mittel zu er­halten, um die Waldungen von Lochaber zu zerstören, die mit den Wäldern seines eigenen Landes so gefährlich wetteiferten.

Die schöne Prinzessin, die ihrem bejahrten Vater immer gerne zu Hilfe eilte, zögerte nicht lang, als er von seiner Sorge sprach. Sie legte Feuer an die Borte ihres Kleides und flog durch die Lüfte über die Nordsee hinweg und stürzte sich auf Lochaber nieder.

»Und die Funken«, so berichtet der Seanachie, »die von ihrem Kleid flogen, wurden vom Wind hierhin und dorthin getragen und die Wälder in Brand gesteckt, bis die ganze Um­gegend rauchte und vom Qualm so verdunkelt war, dass man unmöglich etwas sehen konnte.« Die Menschen liefen zusam­men, um ihr aufzulauern, doch der Überfall verlief so rasch, dass sie ihrer nicht habhaft werden konnten, und sie wussten kein Mittel, um die Schädigung zu verhindern.

Schließlich suchten sie Rat bei einem weisen Mann ihrer Gegend. Er wies sie an, eine Herde Vieh auf einem Feld zusammen zu treiben; wenn sie das Muhen der Kühe hörte, würde sie herabkommen und wenn sie in Schussweite wäre, sollten sie eine silberne Kugel auf sie feuern, dann würde sie sich in einen Haufen Knochen verwandeln. Diesem Rat folgten die Leute, trieben Vieh zusammen und zogen ihm nach. Als das Mädchen das Rufen der Herde hörte, kam sie herab und sie feuerten die silberne Kugel auf sie ab, wie der weise Mann ihnen geraten hatte. Sanft fiel sie zwischen ihnen zu Boden. Danach hoben die Männer ihre sterblichen Überreste auf und trugen sie nach Lochaber; und um sicher zu sein, dass sie ihnen lebend oder tot kein Leid mehr zufügen würde, begruben sie sie in Achna­carry. Und vor nicht mehr als hundert Jahren behauptete der Erzähler, der diese Geschichte weitergab, dass er seinen Fuß auf die Stelle setzen könne, wo sie begraben liege.

Als die Nachricht vom Tod seiner Tochter den Nord­landkönig erreichte, sandte er ein Schiff, um ihre sterblichen Überreste nach Hause zu holen; doch die Beschwörungen der Frauen von Lochaber, die sich gleichfalls auf Hexerei verstan­den, zerstörten es. Das Schiff zerschellte in der Einfahrt zu Lochiel und die Besatzung ertrank. Dem nächsten Schiff, das der König ausschickte, erging es nicht besser. Also setzte der König beim dritten Mal seine ganze Flotte in Bewegung. Doch als seine Schiffe gesichtet wurden, ließen die Bewohner der Insel Iona einen Sturm aufkommen, indem sie die Brun­nen des Elfenhügels leerten, was den Wind in jede von ihnen gewünschte Richtung blasen ließ. »Und der Sturm«, berichtet der Seanachie, »war so heftig und die Schiffe waren so nah, dass die Flotte an das Ufer unterhalb des Elfenhügels getrie­ben wurde. Und die Stärke und die Macht der Nordmänner waren gebrochen und sie waren noch lange Zeit so arg ge­schwächt, dass sie niemals wiederkehrten, um das Land zu verwüsten.«

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Das Märchenbuch „Schottische Märchen“ – zum Erzählen und Vorlesen von Frederik Hetmann (Hg.)

Frederik Hetmann alias Hans-Christian Kirsch (geb. 1934 in Breslau / gest. 2006 in Limburg) hat hier eine Sammlung schottischer Märchen und Sagen zusammengetragen, die uns in die Welt der Männer und Helden, der starken Frauen und in die Anderswelt entführen. Eingeteilt nach den unterschiedlichen Landschaften Highlands, Lowlands und die Inselwelten gibt uns der Autor auch Einblicke in Land und Leute und historische Hintergründe.

Viele der Ge­schichten in diesem Buch wurden Frederik Hetmann auf seinen Reisen mündlich überliefert. So ist es nicht verwunderlich, dass wir dieses Buch nicht nur Märchen- und Geschichtenliebhabern, sondern eben auch Schottlandreisenden ans Herz legen möchten, die einen besonderen Rei­seführer suchen. Es ist auch ein Buch, das zu einer Wanderung durch den Zauberwald Schottlands einlädt.

Hetmann, Frederik
Deutsche Erstausgabe
Hardcover, m. Fadenheftung & Lesebändchen
21,1 cm x 25,4 cm, 192 S.

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